Verkehr

Bonn braucht ein nachhaltiges Verkehrskonzept. Kann die Seilbahn den Bonner Verkehr entlasten?

Die Entlastung des Verkehrs, die die Seilbahn erwirken soll, ist zweifelhaft und läßt sich durch zahlreiche Argumente widerlegen. Laut Gutachter der Machbarkeitsstudie liegt die Entlastung der Zufahrtsstraße zum Venusberg bei gerade einmal acht Prozent. Schon bei der Berechnung dieser Zahl werden die Auslastung der Straßen und die Entlastung durch die Seilbahn zu hoch angesetzt. In der durch die Firmen VSU und Intraplan erstellten Berechnung werden Fußgänger und Radfahrer fälschlicherweise zu Autofahrern deklariert. Wenn Fußgänger und Fahrradfahrer auf die Seilbahn umsteigen, fließt dies positiv in die Berechnungen ein.

Es ist daher mehr als fraglich, ob die „entlastende Wirkung“ tatsächlich in der Praxis eintreten wird. Innerstädtisch wird sich die erwartete Entlastung kaum auswirken (siehe Tabelle). 

Die Seilbahn kann keine Verbesserung für die Hauptverkehrsströme bringen!

Bonn ist eine Einpendler-Stadt. Die Hauptverkehrsströme verlaufen in Bonn nicht von Osten nach Westen sondern von Norden nach Süden, da insbesondere aus Köln und den Orten zwischen Köln und Bonn viele nach Bonn pendeln. Bei einem Teil des Verkehrs über den Venusberg handelt es sich um Durchgangsverkehr (zwischen Ippendorf und Bonn), der sich durch die Seilbahn ebenfalls nicht verringern würde.

Verkehrsprobleme entstehen in Bonn u. a. durch massive Wirtschaftsförderung der Stadt.

Bonn lockt immer mehr Wirtschaftsunternehmen und Behörden an, ohne im selben Umfang den notwendigen Wohnraum zu schaffen. Weite Strecken zur Arbeit können oft nur mit dem Auto in einer angemessenen Zeit zurückgelegt werden. Das „Projekt Urbane Seilbahn“ dient der Stadt als Rechtfertigung für die geplante Verdichtung des Bundesviertels.

Die Auswirkungen des mobilen Arbeitens auf den Verkehr werden nicht berücksichtigt!

Die tägliche Anwesenheit im Büro ist bereits heute in vielen Unternehmen und Behörden nicht mehr Pflicht. Je mehr Unternehmen flexible Arbeitszeiten und die Arbeit aus dem Home-Office ermöglichen, umso mehr Verkehr kann eingespart werden.

Foto: usm.com

Zur Begründung der Seilbahn wird vom Stadtplanungsamt (Helmut Haux) ein gigantisches Verkehrswachstum zum Venusberg von 64 % bis 2030 genannt. Das sind rund 3,0 % jährlich. In der Machbarkeitsstudie wird daraus ein Zuwachs von 125 % zwischen 2013 und 2030. Damit würde der Verkehr auf dieser Straße um das 2,25-fache steigen! Auf Nachfrage wurde vom städtischen Verkehrsplaner Helmut Haux das hohe Bevölkerungswachstum in Bonn angeführt. Allerdings gibt es in keinem Land dieser Welt ein derartig hohes Bevölkerungswachstum über einen vergleichbaren Zeitraum. Das tatsächliche Bevölkerungswachstum Bonns ist durch Zuzug bedingt. Es liegt als übereinstimmender Mittelwert aus verschiedenen Quellen bei ca. 0,5 % pro Jahr (Statist. Bundesamt, Bertelsmann-Stiftung, Kommune.de, Wikipedia, div. Veröffentlichungen des General-Anzeigers etc. , siehe unten). Diese Verkehrsschätzungen auf der Robert-Koch-Straße zum Venusberg stehen im krassen Widerspruch zum dort gemessenen Verkehrswachstum von 0,2 % jährlich in den letzten 25 Jahren. Auch stehen sie im Widerspruch zu den Prognosen des BMVI mit +0,2 % jährlich für die nächsten 12 Jahre. Derart hohe Wachstumsraten sind unseriös und dienen nur dazu, die anscheinende Wirtschaftlichkeit der Seilbahn zu erhöhen.

Starre Strukturen in einer sich stark wandelnden Zeit sind vorprogrammierte Probleme!

Die Arbeitswelt ändert sich durch die zunehmende Digitalisierung mit rasender Geschwindigkeit. Alles deutet darauf hin, dass man in wenigen Jahren nicht mehr an fünf Tagen in der Woche zur Arbeit fährt, sondern (zum Teil) mobil arbeitet. Dies wirkt sich auch auf den ÖPNV aus. Es wird autonome Busse und Carsharing Systeme geben, um die Effektivität des Verkehrs zu steigern und die Kosten zu senken. Aufgrund dieser Entwicklungen ergibt der Bau eines tagein tagaus laufenden, starren Verkehrsmittels, das nicht an den wechselnden Bedarf angepasst werden kann, wenig Sinn.

Bedenkt man weiterhin, dass die Seilbahn bei Wartungen den Einsatz zusätzlicher Ersatzverkehrsmittel erforderlich macht, Starkwind oder Gewitter zu nicht vorhersehbaren Ausfällen führen und, dass aus Sicherheitsgründen ein hoher Personaleinsatz notwendig ist, so ist dieses Verkehrsmittel – außer im alpinen Bereich – schon heute nicht mehr zeitgemäß. Exorbitant hohe Kosten, wenige Haltestellen und daher lange Fußwege, Aufzugsfahrten zu den in der Luft liegenden Stationen mit zusätzlichem Energie- und Wartungsbedarf machen dieses Verkehrsmittel in Städten unattraktiv. Im Zusammenspiel mit Massenbeförderern wie Zügen, aus denen bei Ankunft hohe Zahlen von Passagieren aus- und einsteigen ergeben sich weitere Probleme, da die Seilbahn zwar stetig, aber nur langsam wegschafft.  Ein autonom fahrender Bus benötigt zwar auch Wartung und Erneuerung, diese blockieren aber nur einen Bus für bestimmte Zeit und nicht die gesamte Linie. Der Betrieb des autonomen Busses ist flexibler und deutlich sparsamer. Im Gegensatz zur Seilbahn liegen die möglichen Haltestellen dichter und somit näher an den Zielen.

Die Ausgaben für die Seilbahn würden an anderer Stelle fehlen!

In der bisherigen Planung werden die Kosten für den ÖPNV als kostenneutral berechnet: Wird an einer Stelle aufgestockt, muß an anderer Stelle gekürzt werden. Auch in der Machbarkeitsstudie in Kapitel 8.8.1 (Seite 110 ff.) wird davon ausgegangen, dass die Seilbahn eine Reduktion des Busverkehrs erfordern würde, um die Mehrkosten auszugleichen.

Ein solches ÖPNV-Ausdünnen würde den Busverkehr im gesamten Raum (Venusberg, Poppelsdorf, Kessenich, Dottendorf, Gronau) deutlich verschlechtern und den motorisierten Individualverkehr verstärken. Diese negativen Folgen werden in der Machbarkeitsstudie nicht berücksichtigt.

Die Seilbahn trägt nicht zu einer Verbesserung des gesamtstädtischen ÖPNVbei!

Ziel muss eine Verkehrswende in der ganzen Stadt durch eine Verbesserung des gesamten ÖPNV sein. Hierfür ist eine dauerhafte Reduzierung des Verkehrs unerlässlich. Lediglich die Verkehrsströme zu verlagern, schafft an anderer Stelle neue Probleme.

Es muss viel mehr getan: Vermehrte Busspuren und kürzere Busstrecken, bessere Wartung der Betriebsmittel, vermehrtes Personal und Vermeidung von Verspätungen und Ausfällen. Eine effiziente Nutzung urbaner Seilbahnen wäre vom übrigen Verkehr abhängig: Eine Seilbahn funktioniert nur bei Verkehrsströmen, die gleichmäßig Passagiere heran- und wegschaffen. Die gibt es aber im ÖPNV nicht und die Kombination mit Massenbeförderern (z.B. Eisenbahnzügen) funktioniert nicht. Dann bilden sich Staus zuerst an den Aufzügen, dann direkt in den Seilbahnsstationen, weil die Gondeln den großen Andrang nicht schnell genug wegschaffen können.